Immer wieder beobachte ich folgende Situation:

Zwei (oder mehr) Hunde treffen aufeinander und einer beginnt zu knurren. Fast immer reagiert der Halter des knurrenden Hundes gleich: Er verbietet dem Hund das knurren und wirkt auf den Hund ein.

Erst gestern wieder traf ich mit meinem Hund auf ein Pärchen mit einem kleinen schwarzen Mischling. Ich frug noch, ob ich anleinen soll, dies wäre aber nicht nötig. Mein Hund ist dann langsam zum anderen hin, welcher sofort knurrte. Mein Hund hat zugehört, blieb stehen und zeigte erste deeskalierende Zeichen.

Die Halter des kleinen Hundes beförderten ihren Hund sofort ins Sitz und schimpften auf ihn ein mit lautem „NEIN, LASS DAS“, welches wie ein Mantra permanent wiederholt wurde.

Ich habe meinen Hund abgerufen und bin schnell weiter gegangen, um das Dilemma für den kleinen Hund zu beenden.

 

Dilemma?

 

Ja, es ist ein Dilemma, wenn offensichtliches Unbehagen einfach „verboten“ wird. Ein Hund kommuniziert mit den Mitteln, die ihm zur Verfügung stehen: Körpersprache und Lautgebung. In unserem Beispiel durfte der kleine schwarze Hund nicht von sich aus weg gehen, was er gern getan hätte, denn er hatte überhaupt kein Interesse an näherem Kontakt mit meinem Hund. Seine Leute sahen meinen Hund und befahlen ihrem Hund, sich sofort hinzusetzen. Da haben wir das erste Dilemma… Warum zwingt man den eigenen Hund, solche unnötigen Konfliktsituationen auszuhalten, ohne ihm in irgendeiner Art zu helfen?

 

 

Peinlich?

 

Es ist nicht peinlich, wenn der eigene Hund knurrt. Das hat auch nichts mit mangelndem Respekt oder sonstigen menschlichen Interpretationen zu tun. Der Hund knurrt, weil er mitteilen möchte: Ich möchte das nicht. Ich habe Angst. Ich fühle mich nicht wohl und kann mit der Situation nicht umgehen. MEHR NICHT. Er kann es nicht anders kundtun.

Es ist doch völlig wurscht, was andere denken, der eigene Hund samt seinen Nöten sollte einem doch wichtiger sein, als ein (ahnungsloser) Passant.

 

Alles erdulden?

Warum setzen wir einfach voraus, dass unsere Hunde mit allen Situationen umgehen können müssen? Sind wir immer gelassen und treten allen Konflikten völlig relaxt entgegen? Sicher nicht.

Und wie sollen es unsere Hunde lernen, wenn wir immer nur daneben stehen und Emotionen verbal oder körperlich einwirkend versuchen zu unterdrücken? Ja, es ist ein Versuch, denn Emotionen lassen sich nicht verbieten. Nur das daraus resultierende Verhalten kann ich unterdrücken. Und schon wieder haben wir ein Dilemma für den Hund: Er darf seinen Emotionen keinen Ausdruck verleihen, seine Position nicht verändern und soll einfach still halten.

 

Was tun?

 

Wenn Sie merken, dass Ihr Hund spontane Kontakte zu anderen Hunden nicht schätzt, ist das völlig in Ordnung! Wie sehr schätzen Sie es, wenn wildfremde Menschen auf Sie zustürmen, Sie anfassen oder einfach anquatschen? Finden Sie das höflich?

  

Bitten Sie andere Hundehalter, dass diese ihre Hunde auf Abstand halten. Schützen Sie Ihren Hund und hören und schauen Sie hin! Was möchte und was braucht Ihr Hund? Distanz? Zeit, um andere kennenzulernen? Geben Sie ihm, was er braucht. Das zeugt von Verständnis und Wissen und nicht von Kontrollverlust. Ihr Hund braucht SIE und keine Etiketten, die Unwissende ihm anhaften wollen wie: Aggressivität, Respektlosigkeit, mangelnde soziale Kompetenz, etc.

 

Je mehr Sie Ihren Hund unterstützen und ihm zuhören und Ihre eigenen Vorstellungen von „das muss er doch können“ außen vor lassen, desto besser wird Ihr Hund lernen, mit Begegnungen umzugehen.

Und bedenken Sie eines: Wenn Ihr Hund auf Dauer mit seiner Kommunikation keinen Erfolg hat, wird er die nächste Stufe einleiten. Und was wäre das? Schnappen und beißen.

 

Weil vorher hat ihm ja keiner zugehört.