Hund scheren lassen - Ja oder Nein?

 

Hund scheren lassen -Ja oder Nein?

Flusen Gerade erleben wir einen Wechsel der Jahreszeiten. In dieser Zeit wechseln wir unsere Garderobe täglich, immer angepasst an die jeweiligen Temperaturen.

Immer wenn man denkt, die Winterjacke könne in den Keller verbracht werden, sinken die Temperaturen und wir ziehen sie doch noch mal an.

Was machen unsere Hunde in diesen Zeiten?

Ich hatte und habe einen kurzhaarigen Hund, die mit diesen Temperaturen gut zu recht kommen. Im Winter sieht das anders aus, da bekommt der kurzhaarige Hund bei Bedarf einen Mantel an weil sein Fell ihn nicht schützt. Die Haare sind zu kurz und die Unterwolle zu spärlich, um ein isolierendes Luftpolster einfangen zu können.

Wie geht es den langhaarigen Rassen? Wie geht es den Hunden mit viel Fell, vor allem denen mit dicker Unterwolle? Im Winter geht es denen prima! Sie sind bewegungsfreudig und aktiv. Allerdings beobachte ich die langfelligen Rassen ganz genau im Frühjahr und Sommer. Und sehe ganz oft, dass diese Hunde ab Temperaturen von ca. 18 Grad Celsius ihre Aktivität deutlich runter regeln und sehr schnell hecheln müssen.

Ihre Liegeplätze wählen sie oft nach Temperatur, sprich Fliesen oder andere kahle Böden werden vorgezogen.

Aufgrund dieser Beobachtung habe ich viele Halter von langhaarigen Hunden befragt, warum sie ihre Hunde nicht scheren lassen, um deren Lebensqualität zu verbessern.

Oh weh, die Reaktionen gingen von Entsetzen bis hin zu Verständnislosigkeit.

Angeregt durch die verschiedenen Reaktionen bin ich dem mal auf den Grund gegangen und habe Aussagen gesammelt, die gegen das Scheren genannt wurden.

Dazu habe ich die Hundefriseurin Silke Hartauer befragt, die seit 23 Jahren in einem Hundesalon arbeitet und somit sich in der Thematik gut aus kennt.

1. Das Fell wächst anders nach, es beginnt zu verfilzen.

Das kann man nicht sagen, wenn man den Hund nicht scheren lässt. Demnach ist dies nur eine Vermutung. Es ist oft so, dass der Halter nach einer Schur etwas nachlässig mit der Fellpflege wird und nicht mehr so oft bürstet wie vor der Schur. Das könnte eher ein Grund für das verändern oder verfilzen des nachwachsenden Fells sein.

Hunde bestimmter Rassen werden für Ausstellungen auch oft geschoren, wenn sich da das Fell verändern würde hätten diese weniger Chancen auf Siege.

2. Man zerstört die natürliche Klimaanlage des Hundes

Da möchte ich mal in die Vergangenheit zurückgehen und bestimmte Rassen mit viel Fell ansehen. Collies aller Art, Briards, etc. sahen ursprünglich ganz anders aus. Der extreme Behang der heutigen Rassen ist ein Resultat der Zucht. Kein Schäfer hat auf ein üppiges, wolliges Haarkleid wert gelegt, weil dies hinderlich bei der Arbeit an Schafen war. Und ein Schäfer hat auch nicht die Zeit seine sehr langhaarigen Hunde täglich zu bürsten. Das lange Haar ist nicht wetterfest und verfilzt sehr schnell. Darüber hinaus kann es zu Ekzemen auf der Haut führen.

Das Argument der Klimaanlage ist auch nicht schlüssig, denn beim Hundefell funktioniert diese nur in eine Richtung. Viel Fell und viel Unterwolle schützen den Hund im Winter vor Kälte, das ist richtig. Aber der Hund muss auch Wärme über seine Hautoberfläche abgeben, um seine Körpertemperatur zu regeln. Dies ist aber mit einer dichten Unterwolle nicht möglich. Es entsteht somit ein Wärmestau direkt auf der Haut, der dem Hund immensen Stress verursacht. Man stelle sich vor, ein solch behaarter Hund kommt nach einem ausgiebigen Spaziergang im Winter wieder rein in die Wohnung oder ins Haus und erlebt einen Temperaturunterschied von ca. 25 Grad. Zwischen Haut und Luft befinden sich ca. 3 bis 5 mm dichte Unterwolle. Das ist mehr als bei einigen Kurzhaarrassen. Also kann der Hund keine Körperwärme abgeben.

Wenn Sie sich dies nicht ausmalen können möchte ich Ihnen folgenden Versuch ans Herz legen:

Ziehen Sie sich Ihre dickste Winterjacke an und joggen eine Stunde draußen. Dann betreten Sie wieder Ihre Wohnung und lassen die Jacke einfach mal 24 Stunden an. Versuchen Sie so Ihre Körpertemperatur zu regeln. Sie haben gegenüber dem Hund sogar noch einen immensen Vorteil: Sie können schwitzen!

3. Kurze Haare reizen die Haut

Nach einer Schur ist es möglich, dass abgeschorene Stichelhaare die Haut evtl. reizen können. Dies ist aber leicht vermeidbar in dem man den Hund nach der Schur badet. Und ansonsten ist dieses Argument auch nicht schlüssig, denn sonst hätten alle Kurzhaarrassen Hautreizungen.

4. Es bildet sich mehr Unterwolle nach der Schur

Dazu gibt es keine belegten Studien und Silke Hartauer hat dies in ihrer Laufbahn auch nicht feststellen können.

5. Ausdünnen des Fells ist ausreichend

Zu dichte Unterwolle kann nicht ausgedünnt werden. Ausdünnen bedeutet rupfen!

6. Hunde verändern sich nach der Schur extrem und neigen zu Depressionen

Es ist nachvollziehbar, dass wenn man einen sehr stark befellten Hund mit einem Mal auf 3 mm schert dieser sich evtl. verunsichert fühlt und irritiert ist.

Das kann man aber umgehen, in dem man dem Hund in mehreren Schritten das Fell kürzt. Und beobachtet dabei schon eventuelle Verbesserungen der Lebensqualität.

Ich fasse mal zusammen, was an Hunden an zahlreichen Veränderungen nach der Schur beobachtet werden konnte:

-deutlich gesteigerte Aktivität

-weniger Hecheln

-erhöhtes Bedürfnis nach Kontakt mit anderen

-Haut wird als Sinnesorgan wieder entdeckt

-Änderung der Liegeplätze

-Verbessertes Wohlbefinden was sich ebenfalls auf die Umwelt wie z. B. Artgenossen auswirkt

-Größere Akzeptanz von körperlichen Manipulationen wie z. B. das Anlegen eines Geschirrs

-Verbesserte Kommunikation mit Artgenossen, da das dicke Fell nicht alles verdeckt

Letztendlich möchte ich anregen, sich doch seinen langfelligen Hund genauer zu betrachten. Lebensqualität sollte über falschen Schönheitsidealen stehen und Argumente gegen eine Schur sollten genauer hinterfragt werden. Es ist klar, dass die Züchter von Rassen mit extremem Behang gegen eine Schur sind. Sie haben diese Hunde ja so kreiert.

Dies darf aber nicht zu Lasten des Hundes gehen.

Vielen Dank an Silke Hartauer www.ami-de-chiens.de und an Dr. rer. nat. Ute Blaschke-Bertold www.cumcane.de

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