Der Leinenruck

Ich beobachte fast täglich wie Hunde an der Leine geruckt werden.
Mir bricht es das Herz, wenn ich diese Hunde sehe, wie sie in sich zusammen fallen, beschwichtigen, sich ducken und hilflos und ängstlich ihren Halter anschauen.
Die Person, von der sie eigentlich lernen sollen, die ihnen Sicherheit geben und nett und fair behandeln soll.
Was bewirkt der Leinenruck?
Der Ruck unterbricht ein Verhalten und hemmt den Hund.
Er wird somit als Strafe eingesetzt.

Baxter sabbertDer Einsatz des Leinenrucks ist vielfältig:

  • Leinenpöbelei
  • Mangelnde Aufmerksamkeit
  • Fehlende Leinenführigkeit
  • Nicht befolgen eines Kommandos
  • Demonstration von Stärke und Macht
  • Korrektur von nicht korrektem Fuß laufen

Die Auflistung kann sicher ergänzt werden.
Die Folgen des Leinenrucks sind vielfältig und wirken sich auf Verhalten und Gesundheit des Hundes sehr negativ aus.
Beginnen wir bei den gesundheitlichen Aspekten.
Der Leinenruck verursacht natürlich Schmerzen, darüber hinaus können Schäden im Bereich der Wirbelsäule entstehen. Studien belegen diese Auswirkungen und zeigen Spätfolgeschäden auf wie Bandscheibenvorfälle, arthrotische Veränderungen, Spondylosen und Nervenverletzungen.
Der zweite Bereich der in Mitleidenschaft gezogen wird sind der Kehlkopf und die Atemwege. Hier reicht die Palette der in Kauf genommenen Verletzungen von einer Kehlkopf-Quetschung über Entzündungen bis hin zu Schädigungen der Luftröhre.
Verstärkt werden die Auswirkungen noch bei Ketten- und Würgehalsbändern. Man stelle sich den weichen Knochenbau bei Welpen oder Junghunden vor und die daraus folgenden Schädigungen.
Aber letztendlich ist es egal, ob man einen alten oder jungen Hund am breiten Stoffhalsband oder am dünnen Kettenwürger ruckt, die Resultate sind die gleichen.
Betrachten wir nun die verhaltenstechnischen Aspekte.
Ein Hund erfährt plötzlich und ohne Ankündigung einen schmerzhaften Reiz in einem sehr empfindlichen Körperbereich.
Er unterbricht sein Verhalten zwangsläufig und fällt ins Meideverhalten.
Veranschaulichen wir doch mal das Verhalten anhand der obigen Auflistung:
Leinenpöbelei
Ein angeleinter Hund ist durch die Leine schon in seinem Verhaltensrepertoire stark eingeschränkt. Er kann nicht flüchten, keine deeskalierenden Bögen laufen, seine Körpersprache wie Kopf weg drehen, Kopf senken, Körper abwenden ist sehr beeinträchtigt. Dies ist schon ein Grund, weswegen er sich unwohl fühlen kann bei Begegnungen mit Artgenossen. Ein entsprechend „vorbelasteter" Hund der ängstlich ist, schlechte Erfahrungen gemacht hat oder eine hohe Individualdistanz bevorzugt, hat demzufolge eine recht geringe Reizschwelle.
Hinter solch einem Verhalten stehen viele Emotionen, die sich nicht einfach weg rucken lassen. Der Leinenruck verschlimmert die Situation für den Hund massiv weil er zum einen nicht adäquat lernt mit solchen Situationen umzugehen und zum anderen, dass für ihn eh problematische Situationen von seinem Halter noch mit Schmerz „belohnt" werden.
Die Verknüpfungen in diesen Momenten sind nie positiv. Somit wird aggressives Verhalten eher wahrscheinlich, sprich die Aggressionsbereitschaft wird erhöht.
Mangelnde Aufmerksamkeit:
Hunde nehmen Reize aus der Umwelt viel besser und deutlicher wahr als Menschen.
Es ist völlig logisch, dass z. B. ein jagdlich motivierter Hund bei der Sicht von flüchtenden Rehen nicht seinen Halter mit Aufmerksamkeit überschüttet.
Oder wenn sich mehrere Hunde nähern wird er ebenfalls mit seiner Aufmerksamkeit nicht beim Halter sein.
Also wird an der Leine geruckt, damit der Hund sich wieder „erinnert" wer am anderen Ende der Leine das Sagen hat.
Mir fallen dazu ganz andere Möglichkeiten ein, um an die Aufmerksamkeit des Hundes zu kommen. Ich spreche ihn an, tippe ihn an oder bringe ihm bei, mich anzuschauen auf Signal. Ich lasse auch sehr gern schauen, denn Hunde können sich von eventueller Gefahr sehr schlecht abwenden. Auch wenn das Abwenden des Blickes schwer fällt, so ist doch oft ein anderes Alternativverhalten abrufbar.
Fehlende Leinenführigkeit
Kein Hund kommt zur Welt und geht gesittet an der Leine. Eine Leine ist nichts natürliches, was der Hund toll findet. Sie schränkt ihn in seiner Bewegung ein und hat viele frustrierende Aspekte.
Also ist es meine Aufgabe als Halter, dem Hund so positiv wie möglich das angeleint sein zu vermitteln.
Diesen wichtigen und alltäglichen Aspekt des Hundelebens wird man durch den Leinenruck nur noch deutlich verschlechtern.
Nicht befolgen eines Kommandos
Wenn ein Hund ein Kommando/Signal nicht befolgt, hat das ganz einfache Gründe:
Entweder sein Halter hat es ihm nicht erfolgreich beigebracht oder er ist in einer Situation in der er das Kommando nicht befolgen kann. Sprich er hat Angst, ist stark gestresst oder sehr abgelenkt. Hier gehört das Training optimiert, der Halter ist da in der Pflicht.
Demonstration von Stärke und Macht
Ich habe schon Hundehalter beobachtet die nahezu permanent am Hals des Hundes rucken. Fast bei jedem Schritt wird die Leine straff gezogen und der Hund spürt unangenehmen Druck am Hals. Man sieht deutlich, dass es vielen Haltern schon in Fleisch und Blut übergegangen ist, den Hund so zu führen. Für den Vierbeiner bedeutet das Dauerstress. Was es für den Halter bedeutet kann ich mir nur annähernd erklären. Nach einer Diskussion mit einem Halter, der Leinenruck befürwortet war ich nicht wirklich schlauer. Quintessenz war wirklich die Demonstration von „im Griff haben" und „steuern können".

Korrektur von nicht korrektem Fuß laufen
Dieser Punkt ist ähnlich zu betrachten wie die fehlende Leinenführigkeit.
Für mich persönlich ist es einfach logischer gewünschtes Verhalten zu belohnen, anstatt unerwünschtes zu bestrafen.
Verhalten, welches ich positiv bestärke wird ein Hund vermehrt zeigen.
Verhalten welches ich aversiv unterbinde wird der Hund kurzfristig weniger zeigen, über die Nachhaltigkeit von Lernen über Strafe gibt es mittlerweile viele Erkenntnisse.
Mir kommt da immer der pfeifende Teekessel in den Sinn: Der Druck muss irgendwo hin entweichen.
Ich kann nur ein Fazit ziehen: Lernen über Schmerz ist tierschutzrelevant.
Ich mag auch keine schöngeredeten Begriffe wie „Leinenimpuls" mehr hören und diskutieren. Körperliche Einwirkung bleibt körperliche Einwirkung. Und wenn der „Leinenimpuls" dem Hund ja angeblich keine Schmerzen zufügt und so sanft, ist, dass er nur zum zurück bringen der Aufmerksamkeit nutzt kann ich den Hund gleich ansprechen oder berühren.
Da schnalz ich lieber mit der Zunge, als am Hund zu rucken.