Von Erwartungen und Realitäten…

Im Laufe meiner Trainerzeit hat es sich so entwickelt, dass ich größtenteils Hunde im Training habe, die viele Verhaltensauffälligkeiten aufweisen.

Es gibt nicht wenig „solcher“ Hunde und was wir immer im Zusammentreffen vergessen ist: Wie geht es den Haltern?

Mit Verhaltensauffälligkeiten meine ich Probleme wie:

-      Leinenaggression

-      Angst

-      Bellfreudigkeit

-      Aggressionen gegen Artgenossen oder Menschen

-      U. v. m.

Schubladen

Wir urteilen sehr schnell über Hunde und Halter, obwohl wir nur einen kleinen Ausschnitt des ganzen Tages sehen.

Es gibt Menschen in meiner Nachbarschaft die sagen: „Ach die Trainerin mit dem gefährlichen Hund!“

Und es gibt Menschen die mir oft hinter rufen: „Mensch, ist der gut erzogen!“

Die einen sehen meinen Hund beim aufeinander treffen mit einem seiner Erzfeinde, die anderen wie er fröhlich durch die Gegend hoppst und streberartig ansprechbar ist.

Was sie nicht sehen: Wir haben Baustellen, an denen wir täglich arbeiten. Sie wissen nicht, dass ich bereits auf diesem Spaziergang 15 Minuten Überzeugungsarbeit leisten musste, weil mein Hund wieder vor Angst keinen Meter gehen wollte.

Sie sehen aber auch nicht, wie toll mein Hund zuhause ist. Oder wie toll er sein Lieblingsspielzeug sucht.

Vorstellungen

Worüber sich ebenfalls niemand Gedanken macht, ist das Zusammenleben mit solchen Hunden. Auch die Halter von problematischen Hunden haben sich ein Zusammenleben sicher ganz anders vorgestellt.

Sie haben sich z. B. einen Welpen ins Haus geholt und sich ein ganz normales Leben ausgemalt: Den Kleinen groß ziehen, mit ihm in den Urlaub fahren, ins Restaurant gehen, Besuche abstatten, Besuch empfangen.

Und was passiert dann? Der Hund verändert sich. Entweder nach einer ersten Läufigkeit, im Zuge einer chronischen Erkrankung, aufgrund genetischer Grundlagen, etc.. Und der Traum ist ausgeträumt.

Der steinige Weg

Vorbei sind Spaziergänge mit dem Baby, weil der Hund Mutti und Menschenkind verteidigt und sehr unsicher im Umgang mit Menschen ist.

Spaziergänge im Dunkeln sind ein Spießrutenlauf, weil der Hund fremde Menschen anbrüllt.

Urlaube, sprich ungewohnte Umgebungen sind für solche Hunde sehr schwer zu verarbeiten, also fällt dies auch weg.

Restaurantbesuche sind unmöglich, weil der Hund dort ebenfalls nicht zurechtkommt.

Das Training ist umfangreich und langwierig, meist noch gekoppelt mit einer akribischen Suche nach gesundheitlichen Ursachen.

Nicht selten stehe ich vor verzweifelten Hundehaltern, die nicht mehr ein noch aus wissen. Dazu kommt noch der Druck von außen und das Gefühl auf ganzer Linie versagt zu haben.

Liebe Besitzer von „solchen“ Hunden, lasst Euch nicht unterkriegen!

Niemand hat das Recht, über die Situation zu urteilen. Sucht euch Hilfe, egal ob es darum geht weiter zu machen oder auch für den Hund ein neues Zuhause zu suchen. Jeder hat seine Grenzen und die gehören respektiert.

Das wichtigste ist aber: Steht zu Euren Hunden und steht zu Euren Schwächen. Ihr macht Euch Gedanken um Eure Hunde und bemüht Euch! Das ist schon viel mehr, als andere machen.

Und bedenkt immer eines, wenn Ihr einen Hund seht, der brav neben seinem Halter im Restaurant liegt: Vielleicht kann dieser Hund nicht allein bleiben und ist deshalb dabei? Was ein großes Problem für den Besitzer sein könnte.

Das was wir sehen ist nicht immer die ganze Wahrheit.