Das Leben mit Geräuschangst

Als ich im Frühjahr 2012 den Baxter zu mir holte, übernahm ich einen Hund aus dritter Hand. Seine Vorgeschichte ist zu groben Einzelheiten bekannt, Fakt ist, seine beiden ersten Stationen waren wohl nicht sonderlich schön.

In der Eingewöhnungsphase stellte ich mich auf die angekündigten Probleme mit Artgenossen ein und übte, Dinge, die man halt so übt, wenn ein neuer Hund einzieht.

Schnell stellte sich aufgrund der Umgebung ein sehr ausgeprägtes Jagdverhalten ein, ich wohne sehr ländlich am Rhein mit allerlei Getier. Im Zuhause davor war es sehr städtisch, so dass diese Leidenschaft wohl im Verborgenen blieb

BaxterDemnach trainierte ich alles, was zum Jagdverhalten gehört. Mit Artgenossen war ich zurückhaltend, da er auch da auffällig war, was sich aber schnell verbesserte und bis heute – bis auf den üblichen Erzfeind – nahezu verschwunden ist.

Zwischendrin fielen immer ein paar Kleinigkeiten auf, was Geräusche anbelangte. Dies betraf alles was piepste oder melodisch war. Das erste Problem dieser Art war meine Spülmaschine, die am Ende des Programms drei Mal piepst. Anfangs habe ich gar nicht richtig bemerkt, das Baxter damit Probleme hatte. Erst als er den Raum verließ während ich den Spültab auspackte und diesen erst wieder weit nach Beendigung des Spülprogramms betrat, wurde mir klar, dass mein Hund ein großes Problem hatte. Das Programm dauert nämlich ca. 3 Stunden.

Also begann ich das „Spülmaschinentraining“ und schloss dies erfolgreich ab. Heute interessiert Baxter sich nicht mehr für das Ding.

Des Weiteren reagierte er noch stark auf die örtlichen Metallsammler, die mit Transportern durch die Orte fahren, begleitet von einer Melodie, die lautstark durch die Straßen posaunt wird. Auch das habe ich erfolgreich trainiert.

Das allerschlimmste Trauma ist allerdings das Benutzen eines Zippo-Feuerzeugs. Das löst extreme Panik aus.

Auf Spaziergängen reagierte er immer mehr auf knallähnliche Geräusche. Und zwar mit Flucht. Wenn wir in der Nähe meiner Wohnung liefen, rannte er nach Hause. Waren wir auswärts, suchte er sich den Weg zu meinem Auto.

Das ganze eskalierte irgendwann in dem er sich komplett verweigerte, spazieren zu gehen. Er erklärte den Garten zur Sicherheitszone, die er partout nicht verlassen wollte.

Ich probierte alles. Wirklich alles. Hochwertiges Futter, lustige Schrittfolgen, Dinge werfen, andere Hunde mitnehmen, verschiedene Wege, alles.

Ja auch Zwang. Weil dieser Hund in Sekunden wechselt zwischen „wir werden alle sterben“ zu „Juchu, ist das schön hier“. Auf den Teil mit dem Zwang bin ich alles andere als stolz, aber Hilflosigkeit macht wütend.

AngstEs ging mal, dann wieder nicht. Je nach Lautstärke in der Umgebung gab es bessere und schlechtere Zeiten.

Mein Baxter ist nämlich in einer Sache besonders gut: präventiv sich in eine Angsterwartung zu begeben und mir mitzuteilen: Frauchen, wenn wir jetzt gehen, rumst es wieder. Und das will ich nicht! Dank der anliegenden Deponie, dem Reiterhof und einiger Jäger im Umfeld behielt er leider auch sehr oft Recht.

Als er sich komplett verweigerte, nahm ich ein paar Tage Urlaub und fuhr in die Eifel. Mal raus aus dem (Angst)Trott, was anderes sehen, so war der Plan. Die erste Runde im Feriendomizil lief auch super, Herr Hund hatte riesigen Spaß am Wald und den dort lebenden Tieren. Als ich am nächsten Morgen los wollte zur Runde, blieb beim Hund am Ferienhaus stehen und „sagte“: Nee Mutti. Hier kann es doch auch knallen. Ich war am Boden zerstört.

Und hier komme ich zum schlimmsten Teil der ganzen Geschichte: Hund leidet, Halter leidet. Ich holte mir einen Hund, weil ich gern draußen bin! Ich liebe es, stundenlang am Rhein oder durch Wälder zu laufen. Doch immer, wenn ich voller Elan loszog, machte Baxter mir einen Strich durch die Rechnung.

Ich war wütend, auf alles was Geräusche machte, auf mich und auch auf meinen Hund. Es machte mich rasend, dass dieser blöde Hund nicht begriff, dass ein Knall ihn nicht umbringt! Und er das schon 243 Mal überlebt hat! Er MUSSTE das doch begreifen.

Tat er aber nicht. Im Gegenteil. Er mied mich, weil ich ja auch keine Sicherheit gewähren konnte. Er mied mich, weil ich ihn zwang und immer wieder mit ihm raus in die laute Welt wollte. Es gab nicht wenige Tage wo ich ihm gern ein neues Zuhause gesucht hätte. Aber wer will schon so einen Hund? Und ein 5. Zuhause fand ich auch zu viel in seinem Lebenslauf.

Also frug ich Kollegen um Rat und probierte und machte. Aber auf das Wichtigste kam ich zuletzt:

NIMM DEINEN HUND SO WIE ER IST.

BaxmanEr macht es nicht, um Dich zu ärgern.

Und ich gebe zu, dass fällt mir auch immer noch schwer. Aber es wird besser. Ich lerne, damit umzugehen. Ich lerne Strategien, ich lerne zu handeln und ich lerne, mich aus meiner Starre zu befreien.

Während ich das hier schreibe, steigen mir die Tränen in die Augen, weil die ganze lange Geschichte so emotional belastet ist. Aber ich will erreichen, dass andere Hundehalter einen Weg aus ihrer Geschichte finden, deswegen erzähle ich unsere Geschichte.

In meinem Klientel befinden sich fast ausschließlich nur Hunde mit Problemverhalten, auch Angst ist dabei. Aber für die hab ich Ideen! Da sitzt die emotionale Mutti-Brille nicht auf Nase. Beim eigenen Hund steigt die Betriebsblindheit graduell zur Verhaltensproblematik. J

Ausgeprägte Geräuschangst ist nicht „heilbar“. Aber es gibt Wege, Trainingsmöglichkeiten, Alternativen, etc. Und es ist wichtig, sich als betroffener Hundehalter Hilfe zu suchen. Raus aus dieser Mühle aus Hilflosigkeit, Frust und Verzweiflung.

Die Angst des Hundes bedeutet nicht, dass man als Halter auf voller Länge versagt hat. Auch wenn sich das oft so anfühlt. Schuldzuweisungen bringen einen nicht weiter.

Daher mein Appell: Helft Euch und Euren Hunden. Sucht Euch professionelle Hilfe und macht einen riesigen Bogen um Trainingswege, die Gewalt, Zwang und Strafe beinhalten. Erkennt Angstverhalten am besten schon im Ansatz. Denn ausgeprägte Angst hat viele Facetten und man erkennt sie schon gar nicht mehr.

Es gibt immer einen Weg. Für Euch und Eure Hunde.