Wir alle kennen sie, die Balljunkies. Oder die Hunde, die immer noch buddeln, obwohl die Mäuse längst unter den Pfoten weggelaufen sind. Oder die Hunde, die sich einfach im Kreis drehen.

Die Ball-Süchtigen fallen uns wahrscheinlich am meisten auf, weil wir sie auf unseren Spaziergängen oft beobachten können. Der Ablauf ist da meist sehr ähnlich: Der Hundehalter steigt aus dem Auto, lässt den Hund raus und nimmt die Ballschleuder in die Hand. Oder eben nur den Ball. Dann kommt der Teil, der mir immer den Magen umdreht…der Hund kreischt, bellt, springt, rennt, dreht sich im Kreis bis sein Mensch endlich den langersehnten Wurf tätigt. Und das passiert dann gefühlt 120 Mal während des Spaziergangs.

Ist Ball spielen generell „schädlich“ für den Hund?Bax Stressgesicht

Nein, so lange das Spiel bestimmte Kriterien erfüllt:

  • Der Hund hat Spaß am Spiel
  • Der Hund kann trotz der Anwesenheit des Balls noch die Umwelt erkunden, seine Geschäfte erledigen und ist ansprechbar
  • Der Hund kann den Ball abgeben und wenn dieser verschwindet auch normal weiter spazieren gehen

Beginnen wir mit der Definition von SPASS. Viele Hundehalter sind der Meinung, es macht ihren Hunden Spaß, wenn sie kreischend und springend den Ball einfordern. Das ist keine Form von Spaß. Das ist eine Sucht. Die außer Kontrolle gerät, wenn nicht rechtzeitig erkannt wird, dass es eben kein normales Ballspielen mehr ist. Das Bälle jagen ist für den Hund extrem selbstbelohnend und er möchte dieses Gefühl natürlich weiter und weiter in seinem Kopf haben. Dies hat mit Botenstoffen im Kopf zu tun wie Dopamin und Serotonin. Die Suche nach dem Kick durch den Ball wird exzessiv und da sollte jeder Hundehalter sehr aufmerksam werden. Und sich folgende Fragen stellen:

  • Ist mein Hund noch in der Lage, die Umwelt zu erkunden? Nimmt er andere Menschen und Hunde wahr?
  • Kann ich meinem Hund den Ball wegnehmen? Ohne Getrickse, einem 2. Ball oder übergriffig zu werden?
  • Kann mein Hund trotz Ball in meiner Tasche einfach spazieren gehen und hundlichen Dingen nachgehen?

Ist dies nicht mehr der Fall, dann hat man aus seinem Hund einen Ball-Süchtigen gemacht. Es gibt natürlich auch angenehme Dinge, die man mit einem Balljunkie hat: Man kann ihm den Ball vor die Nase halten und er würde durch eine Horde tobender Elefanten gehen, den Blick fest auf den Ball gerichtet und der Erwartung, dass er diesen gleichwieder jagen kann.

Die Kehrseite der Medaille ist aber, dass es absolut ungesund für den Hund ist. Zum einen haben wir das abrupte Abstoppen beim Fangen des Balls, welches immer auf den vorderen Bereich des Körpers fällt. Das ist Gift für die Gelenke. Zum anderen macht der Dauerstress den der Hund in der ewigen Erwartung des Ballspiels hat, ihn krank. Das hinterlässt Spuren im Organismus, Adrenalin schießt ein, welches der Körper auch wieder abbauen muss. Dieser ständige Wechsel von Hormonen und Botenstoffen ist nicht gut.                            

Darüber hinaus nimmt das Suchtverhalten anderen hundlichen Verhaltensweisen Platz weg. Das ist sehr bedenklich, wenn der Hund außer diesem „Hobby“ nichts anderes mehr hat.

Es gibt noch viel mehr an „merkwürdigen“ Verhaltensweisen, die man an Hunden beobachten kann:

  • Um die eigene Achse drehen
  • Schwanz jagen
  • Stundenlanges Belecken von Gliedmaßen
  • In die Flanken beißen oder daran saugen
  • Böden ablecken
  • An die Decke starren
  • Lichtreflexe jagen
  • Dinge fressen, die nicht auf dem Speiseplan stehen
  • Dauerhaft bellen
  • Trancing

Diese Verhaltensweisen nennt man Stereotypien. Oder auch Zwangsverhalten. Man kann das bei Hunden nicht genau differenzieren, daher hat man sich auf den Begriff ABNORMALE REPETETIVE VERHALTEN (ARV) geeinigt. Abnormal bedeutet eben, dass es irgendwie merkwürdig ausschaut und abweicht von normalem Verhalten. Repetetiv bedeutet, dass es sich wiederholt.

Bei den Stereotypien und Zwangsstörungen sehen wir ein eher eintöniges Verhalten, ohne Abwechslung. Dieses Verhalten hat auch keinerlei Funktion, es ist eine sich wiederholende, sinnlose Handlung. Beispielsweise ein Hund, der sich während des Laufens alle paar Meter um die eigene Achse dreht. Oder ein Hund, der dauernd Stöcke sucht und diese zerschreddert.

Suchtverhalten dagegen ist komplex und hat ein Ziel: WIRF DEN BALL oder MACH DEN GARTENSCHLAUCH AN.

Bedenklich wird das Ganze, wenn die Lebensqualität des Hundes eingeschränkt wird, weil dieses Verhalten sehr viel Raum einnimmt.

Die Ursachen dafür können gesundheitliche Probleme, Konflikte, Frustration oder Angst sein.

Wichtig ist, die Vorboten zu erkennen, nämlich wenn der Hund schon beginnt in seinen Verhaltensweisen exzessiv zu sein. Als ich meinen Baxter bekam fiel mir auf, dass er auf Spaziergängen nur gerannt ist. Wie ein Irrer. Er hat alles übertrieben: Jagen, Hunde verkloppen, rennen, buddeln und schreddern. Ich habe das trainiert und unter dem ganzen Adrenalin kam der wahre Grund zum Vorschein: seine massive Geräuschangst. Diese Angst hat ihm den Weg in die die Sucht erleichtert, er war natürlich auch schon Balljunkie.

Unter Stress suchen sich Hunde Strategien, um die Situation zu bewältigen. Diese Strategien können vielfältiger Natur sein und aus verschiedenen Bereichen kommen. Rassespezifische Eigenschaften können ebenfalls Einfluss darauf haben.

Schon bei den kleinsten Vorboten von ARV sollte Hilfe in Anspruch genommen werden!

Die Erfolgschancen sind umso höher, je eher der Hundehalter sich des Problems annimmt und professionelle Hilfe sucht.

Ganz besonders wichtig ist hier, dass man dem Hund nicht einfach das Verhalten wegstraft oder das „Ventil“ (zum Beispiel Kragen anziehen, wenn der Hund Gliedmaßen beleckt) wegnimmt. Sondern es geht um die komplette Betrachtung der Lebensumstände, um die Ursache zu finden und dem Hund zu helfen.